Magic Future Money - Geschichte Nr. 10

Transit

Transit

Minimum-Flow-Level

Adrenalin

„Warum machen sie eigentlich diese Hygiene-Pods nicht noch ein bisschen kleiner…“, fluchte Viktor.Adler.Areo00187 gerade leise vor sich hin, als er den ersten dumpfen Rumms an der gegenüberliegenden Tür seines Sub-Habitats hörte. Ohne Verzögerung fuhr ihm das Adrenalin ein. Ein zweiter Rumms bog das Teil fast völlig aus dem Rahmen und hätte er nicht gerade den engen GraviBall-Overall halb an- und halb ausgezogen gehabt – ja dann hätte er es vielleicht noch rechtzeitig zu seinem Rechner schaffen können.

Bevor er jedoch den Zugang zur Maschine sperren konnte, kamen schon die Sicherheitskräfte von Areopolis mitsamt der verbeulten Tür hereingepoltert. Kompromisslos wurde ihm der Arm abgefangen, den er im Stolpern noch nach der Tastatur ausgestreckt hatte. Der wurde ihm dann schon auf den Rücken gedreht, bevor er überhaupt richtig auf dem Boden zu liegen kam. Während dieser dann glatt und kühl an seiner Backe klebte, sah er gemeinsam mit den Besuchern, die um ihn herumstanden, wie Zeile für Zeile das Beweismaterial über den riesigen Bildschirm herabsprudelte.

Er wand sich vergeblich unter dem Sicherheitsgriff und schrie in seinem Kopf nur „Scheiße! Scheiße! Scheißäää!“, bis er schließlich mit rasendem Herzen und klingelnden Ohren aufwachte.

Er hatte es eigentlich für ein Schauermärchen gehalten, dass der Transitschlaf immer mit einem Schocktraum beendet wurde. Scheinbar musste das aber so sein, um die Lebensgeister wieder ins Raumfahrergemüse zurückzuscheuchen…

Viktor.Adler.Transit402 setzte sich auf und das Getöse in den Ohren klang allmählich zu dem unvermeidlichen Hintergrundsummen ab, das sie nun monatelang an ihre Abhängigkeit von den lebenserhaltenden Systemen erinnern sollte. Im gleichen Maße, wie die Luft in seine klaustrophobische Kabine strömte, floss sein Flow direkt in den Pool der Transitgesellschaft zurück.

Er konnte sich jetzt zwar wieder selbst denken hören, aber den abgestandenen Geschmack, den die zweiwöchigen Vegetativphasen im Mund hinterließen, wurde er nicht so schnell wieder los. Das war wohl der offizielle Beigeschmack des Minimum-Flow-Reisens.

„Wenigstens muss ich diese Pampe hier nicht probieren.“, dachte sich Viktor, während er angewidert den Schlauch für die Nährstofflösung ausstöpselte, nur um dann doch einen Tropfen vom Zeigefinger zu lecken.

„Wi-der-lich!“, brachte er mit einer Grimasse heraus und schüttelte sich noch ein wenig, bevor er die Verkabelung abnahm, die seine Muskulatur stimuliert hatte, während er bewusstlos durch das All geschossen war.

Hamsterrad

Ein paar Stunden später waren die Aufwachprozedur sowie die nötigen Gesundheits-Checks dann abgeschlossen und Viktor stand zu vereinbarter Zeit vor einer Tür und starrte auf deren ID-Feld, das ein ungewohntes Veronika.Valdez.Transit373 zeigte, bevor er mit der flachen Hand über dem Proximitätssensor herumwedelte. Kurz darauf öffnete sich die Tür, hinter der eine kleine Frau mit dunkelbraunen Augen zum Vorschein kam, die er vor einem knappen Marsjahr noch als Veronika.Valdez.LaE00449 kennengelernt hatte. Auch wenn sie von der vegetativen Phase noch etwas mitgenommen aussah, gaben ihm die ganzen Lachfalten in ihrem runden Gesicht gleich das vertraute Gefühl einer uralten Bekanntschaft zurück.

„Ich kann immer noch nicht glauben“, legte er schon los, bevor sie ihn überhaupt begrüßen konnte, „dass sie uns beide einfach so zurück auf die Erde schicken.“

Das kam natürlich alles auf Neuspanisch heraus, während er dabei übertrieben hilflos mit den Armen gestikulierte. Weil er aber zweisprachig im ehemaligen Honduras aufgewachsen war, machte das in seinem Kopf überhaupt keinen Unterschied.

„Es konnte aber auch niemand ahnen, dass sie uns sofort dabei erwischen, obwohl sich noch nicht mal andere Städte in das Netzwerk eingeklinkt hatten.“, entgegnete Veronika in ihrer gemeinsamen Muttersprache. „Und ¡Buenos días! übrigens, du siehst nicht besonders frisch aus.“

„Ach ja …“, gab Viktor tatsächlich ein wenig blass zurück. „Beim Citizen-Contract versteht das Management von Areopolis halt auch überhaupt keinen Spaß.“

Auf diese Bemerkung hin verfinsterte sich ihr Gesicht.

“Na, das Gremium von La Esperanza hat doch den gleichen Aufstand gemacht. Sonst müsste ich ja jetzt nicht für fast 300 Tage in diesem Halbkoma hier abhängen.“ Ihre Stimme wurde wieder etwas leiser aber die Verbitterung war noch deutlich herauszuhören. „Alles nur wegen eines einzigen Glasfaserstrangs, den du abgezweigt hast! Bürgerverträge hin oder her – das ist ganz einfach ne Überreaktion!“

Während sich der kräftige Viktor vornehm zurückhielt, fuhr die knisternde Gewitterwolke, die jetzt neben ihm entlang stapfte, mit geballten Fäusten fort.

„Ich weiß doch gar nicht, was ich auf der Erde anfangen soll. Ich bin doch seit mehr als 14 Erdjahren nicht mehr dort gewesen. Ich war so froh, endlich von dort wegzukommen. Und jetzt? Meine ganze Karriere ist doch im Eimer! Wer braucht denn auf der Erde bitte eine Exobotanikerin, die dir alles über unterirdische Agrikultur auf dem Mars erzählen kann?“

„Als ob sie das ohne dich in Zukunft überhaupt geregelt kriegen würden, ne echte Selbstversorgung auf die Beine zu stellen.“, entgegnete Viktor in einem ungelenken Versuch, Veronikas Selbstwertgefühl ein wenig aufzupäppeln.

Helfen tat es aber scheinbar nicht, weil sie einfach weiter schweigend neben ihm hermarschierte und mit ihrer angestrengten Schnute und den zwei steilen Falten zwischen den Augenbrauen auch keine weiteren Kommentare mehr ermutigte.

Ihre Schritte hallten durch den Tunnel, dessen Rotation für die künstliche Gravitation sorgte und der immer so aussah, als führte er bergauf. Obwohl Viktor seine Begleiterin um zwei Köpfe überragte, waren sie mittlerweile in einen Gleichschritt verfallen und er dachte, recht viel mehr Auslauf als dieses Hamsterrad würden sie wohl in den kurzen Wachphasen des Transits nicht bekommen.

„Kenshi haben sie übrigens auch gefeuert.“, platzte es unvermittelt aus Veronika heraus. Sie sah, wie die Zahnräder hinter Viktors gerunzelter Stirn knirschten, und schob hinterher: „Kenshi, der Ingenieur von der AsiaPacifiCorp im Elysium-Vulkan. Der, mit dem ich nach der Konferenz das Konzept für die aquaponischen Terrassen entwickelt hatte.“

Als sich seine Miene etwas aufhellte, fuhr sie fort: „Das war doch mehr so eine Was-wäre-wenn-Geschichte, aber scheinbar hatte er daraufhin ein komplettes Computermodell davon gebaut und seinen Chefs vorgelegt. Die waren dann auch zu Anfang ganz aufgeschlossen dafür, bis er zu dem Punkt kam, wo die Kooperation mit uns von La Esperanza nötig werden würde.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Da war dann der Ofen plötzlich aus.“

Viktor fügte langsam nickend hinzu: „Ständig geben sie damit an, wie toll die freien Städte auf dem Mars doch zusammenarbeiten. Sobald dann aber jemand was vorschlägt, wovon nicht das Erdmanagement profitieren würde, sondern wodurch ein wenig Flow auf unserer Rostkugel zirkulieren würde, ist es mit einem Mal unwirtschaftlich, vertragswidrig oder was weiß ich.“

Voller Zustimmung nahm Veronika den Faden wieder auf: „In weniger als sechs Stunden hatten sie ihn benachrichtigt, dass seine Ansichten nicht mit der Firmenvision vereinbar wären und er sich nach einer neuen Aufgabe umsehen soll, als ob das innerhalb der AsiaPacifiCorp so einfach wäre! Da hatten sie ihm sogar den Flow schon abgedreht. Stell dir das mal vor!“

Ihre abgespreizten Finger und die aufgerissenen Augen sagten mehr über ihre Empörung als die zusammengepressten Lippen.

Nachdem er geduldig zugehört hatte, nutzte ihr Begleiter die Gelegenheit, um in die Lücke zu fragen: „Was macht er denn dann jetzt, wenn er bei denen nichts anderes mehr finden kann?“

„Na, der ist auch hier mit uns auf dem Transit.“, antwortete sie. „Allerdings nicht als Gemüse, so wie wir. Der hat die letzten paar Marsjahre ordentlich Flow zusammenlaufen lassen. Der verpennt keine 300 Tage seines Lebens, sondern hockt auf dem Medium-Flow-Level wie eine richtige Person.“

„Ne richtige Person, hm?“, schmunzelte Viktor, als sie auch schon mit plötzlich wiederentdecktem Enthusiasmus weitersprudelte.

„Den musst Du unbedingt kennenlernen. Der ist schon ein spezieller Charakter. Ich ping den gleich noch an, bevor wir uns wieder ausknipsen lassen. Dann kann er dir ne offizielle Einladung aussprechen, damit du überhaupt aufs Medium-Flow-Level darfst.“

Damit war dieses Thema dann auch schon erledigt und sie schlossen ihre Runde durch das schmucklose Hamsterrad ab, um anschließend ihren Flow für eine überteuerte Mahlzeit in der Minimum-Flow-Messe verdunsten zu sehen. Wenigstens gab es von denen nicht besonders viele, bevor sie sich wieder in den vegetativen Sparmodus versetzen lassen mussten.

Medium-Flow-Level

Schweiß

Viktor.Adler.Areo00187 wusste, dass Tausende von Zuschauern über den ganzen Mars verteilt (und wahrscheinlich sogar ein paar areophile Erdbewohner mit einigen Minuten Signalverzögerung) das Spiel mitverfolgen würden. Die Bilder aus dem rotierenden Gravidrom von La Esperanza streamten alle erdenklichen Perspektiven auf die Bildschirme der GraviBall-Fans, die sehen wollten, ob seine Areopolis Speartips den Enrobinados in den rostbraunen Overalls den Titel in deren eigener Stadt abjagen würden.

Hin- und hergerissen zwischen Schwer- und Fliehkraft stütze er sich mit seinen Händen auf den Knien ab und atmete in langen tiefen Atemzügen, während ihm der Schweiß durch den grauen Overall nach unten rann. Sie hatten gerade einen spektakulären Treffer erzielt und er stellte sich für einen Moment vor, wie der Flow der begeisterten Zuschauer für diese Aktion zurück an die Betreiber des Gravidroms und natürlich an ihn und seine Teamkollegen floss.

Was er in diesem Augenblick allerdings außer Acht ließ, war, dass er maximal ungünstig vor der Öffnung stand, aus der der neue Ball geschossen kommen würde. Er hörte bloß noch ein kräftiges Fupp!, als das Ding los ging und ihm so schnell das Bein unter dem Körper wegzog, dass er rücklings mit dem Hinterkopf auf die Spielfläche knallte.

Nach einem stechenden Blitz durch den Kopf und mit Donnerklingeln in den Ohren schreckte er hoch und fand sich in dem Gewirr aus Kabeln und Schläuchen seiner Transitkabine wieder.

Unterschiede

Mit weißen Knöcheln klammerte sich Viktor an den Haltegriff neben der Glastür. Dahinter musste jeden Moment eine Transportkapsel auftauchen, um ihn durch die Längsachse des Schiffs zurück auf sein Level zu bringen. Seine Erlaubnis lief nämlich gleich ab und er wollte sich auf keinen Fall noch unnötigen Flow als Strafe abquetschen lassen. Ihm war der Durchfluss für jeden Meter in der Röhre schon stark genug.

Als er da so unabgeholt herumhing und sich nach ein wenig künstlicher Schwerkraft sehnte, dachte er an seine Begegnung mit Kenshi.

Übertrieben förmlich hatte der sich als Kenshi.Matsuyama.APC00841 vorgestellt, um sich dann sofort – höchst peinlich berührt – selbst zu korrigieren und seine alte Zugehörigkeit durch das scheinbar zutiefst beschämende .Transit159 zu ersetzen.

Danach hatte er angefangen, sich regelmäßig für sein ungenügendes Englisch zu entschuldigen, obwohl Viktor während des gesamten Treffens keine Probleme damit auffielen. So reihte der Mann mit dem silbernen Haar, das ihm in einem perfekt geflochtenen Zopf bis zur Hüfte reichte, ein Schrulle an die andere. Hätte Viktor bestimmen sollen, ob sein Gegenüber 33 oder 83 Jahre alt war, hätte er es nicht gekonnt.

Am meisten beschäftigte ihn aber, warum Kenshi trotz seines Widerwillens, den Mars zu verlassen, nicht versucht hatte, in der freien und quelloffenen Stadt anzuheuern. Mit seinen Qualifikationen und den kollaborativen Anwandlungen, für die er gefeuert worden war, hätten die ihn doch mit Handkuss genommen. Das war zumindest, was Viktor selbst getan hätte, wenn die Klausel in seinem Vertrag mit Areopolis nicht explizit besagt hätte, dass er bei Vertragsbruch direkt auf eigene Kosten zur Erde zurückkehren musste.

Der Ingenieur hatte das jedoch mit versteinerter Miene als „zu chaotisch, unberechenbar und von vorneherein nicht geradlinig genug“ abgetan. Man musste schon zugeben, dass die Open-Source-Einhörner ein ziemlich bunter und wilder Haufen waren. Nachdem sie aber immer alles irgendwie zum Laufen, Fliegen, Fahren oder Bohren brachten, fand er diesen pedantischen Ansatz etwas überzogen.

Noch stets an den mittlerweile handwarmen Griff geklammert, hing Viktor ohne Richtung seinen Gedanken nach. Da näherte sich durch eine Verbindungsröhre die angeregte Konversation zweier weiterer Passagiere des Transitschiffs.

Zwischen dem Gelächter hörte er ein halb vertrautes Kauderwelsch mit Wörtern aus dem Englischen, Französischen und einer Handvoll anderer Sprachen, das auf dem Mars immer mehr Verbreitung fand. Es machten nämlich immer mehr Menschen, die aus den konsensbasierten Regionen der südlichen Erdhalbkugel stammten, den Sprung auf den Mars. Er bemühte sich deshalb schon eine ganze Weile, vernünftig OpenAustrale zu lernen und kam auch schon ganz gut mit der lerneroptimierten Grammatik zurecht. Mit etwas Konzentration konnte er also das meiste, was gesprochen wurde, im Kopf übersetzen.

Viktor schwang sich um die eigene Achse und musste gleich zweimal hinsehen, als die beiden jungen Männer sich vom Rand der Röhre abstießen, um zu ihm – oder besser zur Transportachse – herüberzugleiten. Sie glichen sich bis aufs Haar und waren obendrein noch identisch gekleidet. Da stach ihm gleich das große Emblem ins Auge, das sie farbenfroh auf der Brust trugen. Es war der Kopf eines Einhorns und in einem Kreis drum herum war zu lesen:

* Ubuntu * Urban * Unicorn * init 40.04 *

Dass die Zwillinge tatsächlich in der quelloffenen Stadt, die zwei Marsjahrzehnte vorher als aufblasbares Habitat begonnen hatte, zuhause waren, konnte er auch gleich bestätigen. Als sie nah genug waren, genügte ein Blick auf ihre IDs: Anthony.Okafor.U3_038776 und Gregory.Okafor.U3_038777.

Sie winkten ihm freundlich zu und wollten gerade ihre Unterhaltung fortsetzen, als Gregory seinem Spiegelbild mit dem Ellbogen einen Stoß in die Rippen gab, der die beiden ein wenig auseinanderdriften ließ.

„Ant, schau doch mal! Weißt du, wer das ist?“, übersetzte Viktor sich das Gesagte im Kopf zusammen. Anthony kniff kurz die Augen zusammen und biss auf seiner Lippe herum, bevor sich sein Gesicht aufhellte.

Sofort brach etwas im Sinne von „Alter Schalter, Greg! Das ist der Adler von den Areopolis Speartips!“ aus ihm heraus. An dieser Stelle wäre der ertappte GraviBall-Spieler nicht überrascht gewesen, wenn die beiden ein Schlachtlied ihrer Einhörner angestimmt hätten. Stattdessen fingen sie an, mit flatternden Armen herumzualbern, wie spektakulär der jetzt nach ihm benannte „Reverse Eagle“ also der „Rückwärts-Adler“ gewesen war, wegen dem damals der Titelkampf gegen die rostigen Latinos abgebrochen werden musste.

Irgendwann kriegten sie sich dann wieder ein und gaben zu, dass sie eigentlich auch gern eine so gute Wurftechnik wie er hätten und in Wirklichkeit ja große Fans waren, obwohl er offensichtlich aus der falschen Stadt kam.

Tatsächlich hatten sie mehr als einmal etwas Extraflow als Anerkennung für einen besonders eindrucksvollen Spielzug durch ihre Zuschauerkanäle an ihn geschickt.

Mit einem sanften Kschhhhhhhhhhhh… glitt unvermittelt die Glastür auf, durch die sie sich dann alle drei in die dezent beleuchtete Transportkapsel hangelten. Bis sie alle angeschnallt waren, herrschte für einen Moment konzentrierte Stille. Diesen nutzte Viktor aus, um sich die Frage, warum die Zwillinge auf dem Weg zur Erde waren, in OpenAustrale zurecht zu legen.

„Die U3-Universität hat uns ein Stipendium gegeben.“, antworteten sie auf diese im Chor. „Wer im Urban Unicorn auf dem Mars geboren wird, den schickten sie nämlich zum zwölften Marsgeburtstag für vier Jahre auf die Erde, um die anderen quelloffenen Städte kennenzulernen.“

„Wahrscheinlich auch, um mal echte Schwerkraft kennen zu lernen“, dachte sich Viktor mit einem versteckten Grinsen dazu.

Die Fahrt war dann auch schnell wieder zu Ende und man turnte gemeinsam aus der Kapsel. Die Zwillinge fragten ihren neuen besten Freund, ob er sich ihnen anschließen wollte, um das Mininmum-Flow-Level zu erkunden und anschließend auf ihrem eigenen Level noch ein Bier in der Gravity-Bar zu kippen – auf ihren Flow natürlich!

Schwer zu sagen, wem es dann unangenehmer war, als Viktor erklären musste, dass er ohne offizielle Einladung und Erlaubnis dieses Level nicht mehr verlassen durfte. Sie fragten ihn natürlich, wie es dazu gekommen war, dass er unter diesen Umstanden zur Erde zurückkehren musste.

„Das ist wirklich eine längere Geschichte. Aber ich erzähl sie Euch, wenn ihr das mit der Bar und dem Bier organisiert, wenn ich wieder mal wach bin“, bekamen sie zu hören. An diesem Punkt verabschiedeten sie sich dann unter heftigem Schulterklopfen voneinander und die beiden Einhörner johlten ihm noch ein paar Anfeuerungen hinterher, als er sich in seine abzweigende Röhre schwang.

Auf dem Weg zur medizinischen Abteilung rieb sich Viktor die Oberarme und fragte sich, wie es wohl wäre, GraviBall im Einhorn-Overall zu spielen.

Mit wenig Enthusiasmus scannte er dort angekommen seine ID, um den letzten Bio-Check zu absolvieren, bevor er wieder in den Transitschlaf versetzt werden würde. Anstelle der erwarteten Zuweisung erhielt er jedoch eine Mitteilung, dass seine Schlafphase um einen ganzen Tag verkürzt worden war.

Etwas besorgt über den Extraflow, den die Benutzung des Hamsterrades, der Messe und der Hygiene-Pods für einen ganzen Tag bedeuteten, erkundigte er sich nach dem Grund für die Änderung. Die Antwort war denkbar knapp und hatte die Form einer persönlichen Nachricht, die sich umgehend für ihn entschlüsselte:

Amr.Khamees.NeMa00017 erwartet Sie morgen um 15:00 auf dem Maximum-Flow-Level [Einheit 0.0.3]
N.B.: Zero-Flow-Status

Viktor wusste nicht, was er davon zu halten hatte, und konnte auch bei seiner anschließenden Recherche nichts herausfinden, weil ihm natürlich der Zugang zur Einwohnerdatenbank von New Madina verboten war.

Was blieb ihm also anderes übrig, als sich schlafen zu legen wie eine respektable Person.

Maximum-Flow-Level

Limonade

Die Hypagora von Areopolis faszinierte Viktor.Adler.Areo00187 jedes Mal aufs Neue. Er durchquerte das unterirdische Gewölbe wie immer auf dem Weg zum Kommunikationsknoten im Nordwesten der Stadt und streifte mit der ausgestreckten Hand durch das satte Grün, das entlang der Wege wuchs. Er wurde langsamer und blieb schließlich stehen, wo Klara.Balabanova.Areo00865 frühmorgens immer stand, wenn sie nicht ihrer Primärtätigkeit nachging. Ihre Finger tanzten auf der altmodischen Querflöte, die nach einem Original von der Erde aussah, und zwischen ihnen strömte die Melodie in die eine und der Flow in die andere Richtung, bis er sich mit einem Nicken abwandte, um nicht zu spät zur Arbeit im Knoten zu kommen.

Im Zentrum der Kuppel blieb er noch einmal stehen und legte den Kopf weit in den Nacken. Sein ausgehender Standardflow für den Stadtbetrieb verlangsamte sich ein wenig, als die künstliche Nachtbeleuchtung verblasste und über ihm die etwas klein geratene Sonne aufging. Sie schien durch das ovale Wasserbassin in der Kuppeldecke in das Herzstück der Stadt hinein und verlieh ihm die Farbe einer kühlen Blutorangenlimonade.

Der rötliche Schein wurde allmählich immer heller und weißer, während das kleine Piepsen um ihn herum lauter und lauter wurde. Irgendwann fing Viktor dann an, sich behäbig in seiner Schlafkoje zu räkeln. Er drehte sich sogar noch für ein paar Minuten auf die andere Seite, ohne sich in Kabeln und Schläuchen zu verheddern.

Beweis der Herkunft

Mit geschnäuzter Nase und vergeblich gekämmten Haaren war Viktor einmal die gesamte Längsachse des Transitschiffes entlang gerauscht. Er hatte den ganzen Tag über schon ständig seinen Flow kontrolliert und der Pegelstand war tatsächlich unverändert geblieben, seit er sich aus dem Bett gewälzt hatte. Nicht nur der Flow für die Vorzüge des Wachseins, so wie die ausgiebige Dusche zum Beispiel, sondern auch der allgegenwärtige Minimum-Flow für die lebenserhaltenden Systeme schien heute für ihn eingefroren zu sein.

Wer dieser Amr.Khamees.NeMa00017 wohl sein mochte, war ihm noch immer ein Rätsel. Vielleicht hätte ja Veronika etwas über ihn gewusst. Aber die vegetierte ja schon wieder in ihrer Transitkabine der Erde entgegen.

Darüber, was in New Madina – mitten im eisreichen Hochland der Arabia Terra – vor sich ging, drang jedenfalls nur selten etwas nach außen. Von allen freien privaten Städten auf dem Mars nahm New Madina den „privat“-Teil wohl am ernstesten. Mit Ausnahme des Urban Unicorn war der Mars auch so schon proprietär bis ins Mark.

Die Tür machte wieder Kschhhhhhhhhhhh und als sich Viktor aus der Kapsel schwang, war er erst einmal für einen Moment überfordert davon, wieviel Platz in diesem Raumschiff sein konnte. Nachdem er sein Koordinatensystem angepasst hatte, kontrollierte er zum siebten Mal in den vergangenen fünf Minuten die Uhrzeit und begab sich unverzüglich zur Einheit 0.0.3.

Dort angekommen fand er zwar keine ID neben einer Tür, dafür aber ein regelrechtes Portal mit einem abstrakten Familienwappen darüber. Zu gerne hätte der Vertreter des gemeinen Volks gewusst, was es darstellte.

Als Viktor gerade überlegte, wie er sich denn bemerkbar machen sollte, glitten die Türhälften auch schon auseinander und er sah sich einem dezent gekleideten Herrn mit einem exakt getrimmten grauen Bart gegenüber. Dieser hielt die Hände hinter dem Rücken ineinandergelegt und musterte ihn aus tiefen Augen, bis Viktor nichts anderes übrigblieb, als mit „Very pleased to meet you, Mr. Khamees. Thank you for the kind invitation.“ zu eröffnen.

Mit überraschend melodischem Akzent entgegnete Mr. Khamees: „Vielen Dank, dass sie heute gekommen sind, Herr Adler. Bitte lassen Sie uns doch Ihre Muttersprache sprechen. Das Studium der Sprachen ist von großer Bedeutung in unserer Familie und ich freue mich über jede Gelegenheit, die alte Sprache der Dichter und Denker zu gebrauchen.“

Der Besucher nickte etwas unbeholfen und kam der Aufforderung, doch bitte einzutreten, mutig nach. Ihm wurden kurz Frau und Kinder vorgestellt, die dann aber artig zurückblieben, als die beiden Männer sich zurückzogen, um zweifellos wichtige Dinge zu besprechen.

„Ist es nicht faszinierend, Herr Adler, dass sich eine Reihe von Übungen, die zur Prävention der Muskelatrophie bei niedriger Gravitation ersonnen wurden, innerhalb weniger Jahre zum Kristallisationspunkt einer globalen Identität aller Marskolonien entwickeln konnte?“, fragte Mr. Khamees.

Viktor wusste nicht, was die passende Antwort darauf war, und nickte einfach wieder.

„Aber sie sind ja nicht nur ein herausragender GraviBall-Spieler, soweit ich weiß, sondern haben ursprünglich andere Qualifikationen mit auf den Mars gebracht.“, fügte er hinzu.

„Ja, ich habe als Telekommunikationsingenieur auf dem Mars angeheuert und mich die letzten Jahre mit der Synchronisation der Bitcoin-Blockchain zwischen Erde und Mars befasst. Schließlich muss ja der Zahlungsausgleich für all unsere Flow-Transaktionen auf der zweiten und dritten Lage kontinuierlich stattfinden können. Aber das wissen wir ja scheinbar beide.“, hörte sich Viktor sagen.

„Darf ich bitte erfahren, warum Sie mich eigentlich herbestellt haben?“, entfuhr es ihm dann ungeduldig.

Amr.Khamees.NeMa00017 schwieg noch einen Augenblick und wirkte dabei sowohl amüsiert als auch ernst. Dann schluckte er vernehmlich und sagte: „Ich habe Ihr anonymes Whitepaper gelesen“, wobei er mit den Fingern ironische Gänsefüßchen in die Luft zeichnete. „Und weiß, warum Sie von der Stadtverwaltung in dieses Transitschiff gesteckt wurden.“

Diesmal war es Viktor, der schluckte. Dieser Mann wusste, was er zusammen mit Veronika nachgewiesen hatte. Nämlich wie man das Bitcoin-Protokoll upgraden konnte, um einen Algorithmus zum Beweis der Herkunft von Transaktionen zu implementieren. Technisch war das gar nicht so kompliziert. Aber der Umstand, dass jemand das Netzwerk jederzeit forken konnte, um eine Blockchain zu etablieren, die nicht von der Hash-Power der Erde abhängig oder beinflussbar war – das bot in der Tat Zündstoff.

„Reicht es denn nicht, dass man in jeder Stadt auf dem Mars Flow in alle erdenklichen Richtungen herumschicken kann?“, fuhr Amr sein Gegenüber provozierend an.

„Wenn der Mars wirklich eine eigene Identität bekommen soll, dann braucht es die Zusammenarbeit aller Städte, egal ob frei, privat, quelloffen oder sonst was. Dort muss ein globaler Handel und Austausch entstehen, damit der Mars eine Ökonomie bekommt, anstatt nur die Geschäftsinteressen von Erdmanagern umzusetzen. Wenn jeder Zahlungsausgleich, der irgendwann durch unsere Flow-Transaktionen fällig wird, nur auf der Erde Transaktionsgebühren auflaufen lässt, ist das nichts anderes als eine Besteuerung, für die der Mars keinerlei Gegenleistung erhält.“, barst es aus Viktor heraus. „Zumindest nicht, sobald der Mars sich selbst versorgen kann.“, musste er widerwillig hinzufügen.

„Und um das zu erreichen, braucht der Mars tatsächlich eine eigene globale Wirtschaft.“, erwiderte nun Mr. Khamees dem erstaunten Unabhängigkeitskämpfer.

„Ich habe Ihre Ideen mit meinem ältesten Bruder besprochen, der die Geschäfte in New Madina leitet. Er hat das leider mit wenig Begeisterung aufgenommen und mich eiskalt auf den Weg zurück zur Erde geschickt, damit ich mir wieder über meine Loyalitäten zur Erde und meiner Familie bewusst werden kann.“, schnaubte Amr verächtlich.

„Aber ich habe die Liquidität und die nötigen Kontakte, um auf der Erde etwas Neues, Besseres auf die Beine zu stellen.“, sagte er mit angriffslustigem Funkeln in den Augen.

„In nur ein paar wenigen Jahren werde ich auf den Mars zurückkehren, Herr Adler, und zu diesem Zweck brauche ich ein Team.“